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KREISLAUF



Wenn ihr es wissen wollt, Seiltänzer zu werden, ist mein Kindheitstraum - so, wie manche Kinder Schiffskapitän, Astronaut oder Eisverkäufer werden wollen und dieser Traum kam schon vor zwanzig Jahren, als in unserer Gegend der Zirkus seinen Zelt aufgeschlagen hatte und unsere ganze Familie ganz vorne an der Manege Platz nehmen durfte, weil mein Großvater freie Karten bekommen hatte. Die Lichter gingen aus, nur ein Scheinwerfer blieb an, ein Mann in Feuerkleidung begann seinen Tanz auf einem unsichtbaren Seil, und am nächsten Tag spannten die Jungs von unserem Haus die Wäscheleine zwischen dem Sauerkirschbaum und dem Zaun und ahmten holprig und unbeholfen dem Feuermann nach, hielten sich aber an den Zweigen fest. Ich will auch!, rief ich, und sie - hau ab, verschwinde, du taugst doch nichts!, aber am Abend, als sie bereits zu Hause waren, stieg ich auf den Zaun und ohne die Zweige loszulassen, machte ich einen Schritt auf dem Seil, dann einen zweiten, und dann schürfte ich mir das Knie im Kies , dann das andere, beim dritten Mal lief mir Blut über die Stirn und ich schluchzte im Bett mit verbundenem Kopf, das ist doch mein Traum, die sollen Astronauten und Verkäufer werden, wenn sie wollen, und als alles vorbei war, begann ich in der Schule Zweier zu bekommen. Als man mir dann zu Hause vorwarf, ich würde nicht fleißig genug lernen und ich antwortete, ich wollte Seiltänzer werden, guckten sich meine Eltern erschrocken an, nur mein Großvater meinte entschieden: arbeite dich hoch und dann wirst du machen, was du willst. Darauf legte sich mein Traum und ich setzte alles daran, die Hinweise meines Großvaters in die Tat umzusetzen. Ich hatte Glück, von den Büroräumen unter dem Dach schaffte ich es bis in die dritte Etage und bereits am ersten Tag, als ich merkte, wie nah das Gebäude gegenüber steht, wurde es mir warm ums Herz. Ich ließ mir das notwendige Zeug bringen und beaufsichtigte persönlich, wenn das Seil und die Plattform unter das Fenster angebracht wurden und das Treppengelände mit Deko-Sauerkirschzweigen verziehrt wurde. Nun bin ich ziemlich fortgeschritten in meinen Übungen, wenn ich morgens zur Arbeit komme, laufe ich schnell ein paar Mal zur gegenüberliegenden Wand und zurück, damit ich gut in Form bleibe, und richtig übe ich in der Mittagspause, wenn sich alle unten zum Rauchen versammeln und neidische Blicke auf mich werfen. Ich will den Tanz mit dem Säbel auf der Stirn richtig gut machen und nächste Woche trete ich offiziell vor Publikum auf. Ich bin glücklich, es wäre dumm, nicht glücklich zu sein, wenn man seinen Kindheitstraum erfüllt hat, deshalb verrate ich euch jetzt ein Geheimnis - sehr bald werde ich das Seil herunternehmen und - ein Schritt von der Plattform aus, dann ein zweiter, ohne mich an den Deko-Zweigen festzuhalten, so erreiche ich das Fenster von gegenüber und gehe dann zurück, dann nochmal von vorne. Ich werde diesen Schlaumeiern von der Nachbarschaft zeigen, was ich tauge, ich werde ja in der Luft zwischen den zwei Wänden laufen - wie der Feuermann. Ich muß es nur noch vom dritten auf den zweiten Stock schaffen, wo die größten Büros sind, jedes mit drei Kristallleuchten, wie mein Großvater immer wieder sagte.