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FRAGMENTE
Er fragt mich, ob ich glücklich sei, und ich erwidere prompt: und was ist bitteschön Glück? - da fängt er an zu stottern, dieser Besserwisser, der sich nur die Zunge wund reden will. Das Glück, mein Lieber, ist, wenn alle deinen Wünsche in Erfüllung gehen, ja genau! Alles oder nichts. Was sagst du, ist nicht möglich? Langsam, langsam, wir redeten nicht über möglich und unmöglich, sondern über Erfüllung der Wünsche und dafür gibt es seit jeher eine ganz einfache Methode - man sollte den Schatten der Erde berühren. Na, siehste, schon wieder dieses „wie soll das denn gehen“! Dein Problem! Ich habe das für mich schon entdeckt - in den Lehrbüchern steht es auch - bei Mondfinsternis bedeckt der Schatten der Erde den ganzen Mond, das bedeutet, daß dort auch der letzte Dummkopf glücklich ist. Jetzt verstehst du das oder? Wir sehen uns auf dem Mond. Ich muß jetzt los, ich habe noch so viel zu tun und hör endlich auf mit diesem „unmöglich“, du nervst, du hast mich gefragt, ich habe geantwortet... Nur noch was - es ist nicht sicher, daß auch auf dem Mond alle Wünsche in Erfüllung gehen, aber wenn es nur ein einziger wäre, selbst ein Hauch von einem Wunsch - das ist doch nicht wenig oder?
KREISLAUF
Wenn ihr es wissen wollt, Seiltänzer zu werden, ist mein Kindheitstraum - so, wie manche Kinder Schiffskapitän, Astronaut oder Eisverkäufer werden wollen und dieser Traum kam schon vor zwanzig Jahren, als in unserer Gegend der Zirkus seinen Zelt aufgeschlagen hatte und unsere ganze Familie ganz vorne an der Manege Platz nehmen durfte, weil mein Großvater freie Karten bekommen hatte. Die Lichter gingen aus, nur ein Scheinwerfer blieb an, ein Mann in Feuerkleidung begann seinen Tanz auf einem unsichtbaren Seil, und am nächsten Tag spannten die Jungs von unserem Haus die Wäscheleine zwischen dem Sauerkirschbaum und dem Zaun und ahmten holprig und unbeholfen dem Feuermann nach, hielten sich aber an den Zweigen fest. Ich will auch!, rief ich, und sie - hau ab, verschwinde, du taugst doch nichts!, aber am Abend, als sie bereits zu Hause waren, stieg ich auf den Zaun und ohne die Zweige loszulassen, machte ich einen Schritt auf dem Seil, dann einen zweiten, und dann schürfte ich mir das Knie im Kies , dann das andere, beim dritten Mal lief mir Blut über die Stirn und ich schluchzte im Bett mit verbundenem Kopf, das ist doch mein Traum, die sollen Astronauten und Verkäufer werden, wenn sie wollen, und als alles vorbei war, begann ich in der Schule Zweier zu bekommen. Als man mir dann zu Hause vorwarf, ich würde nicht fleißig genug lernen und ich antwortete, ich wollte Seiltänzer werden, guckten sich meine Eltern erschrocken an, nur mein Großvater meinte entschieden: arbeite dich hoch und dann wirst du machen, was du willst. Darauf legte sich mein Traum und ich setzte alles daran, die Hinweise meines Großvaters in die Tat umzusetzen. Ich hatte Glück, von den Büroräumen unter dem Dach schaffte ich es bis in die dritte Etage und bereits am ersten Tag, als ich merkte, wie nah das Gebäude gegenüber steht, wurde es mir warm ums Herz. Ich ließ mir das notwendige Zeug bringen und beaufsichtigte persönlich, wenn das Seil und die Plattform unter das Fenster angebracht wurden und das Treppengelände mit Deko-Sauerkirschzweigen verziehrt wurde. Nun bin ich ziemlich fortgeschritten in meinen Übungen, wenn ich morgens zur Arbeit komme, laufe ich schnell ein paar Mal zur gegenüberliegenden Wand und zurück, damit ich gut in Form bleibe, und richtig übe ich in der Mittagspause, wenn sich alle unten zum Rauchen versammeln und neidische Blicke auf mich werfen. Ich will den Tanz mit dem Säbel auf der Stirn richtig gut machen und nächste Woche trete ich offiziell vor Publikum auf. Ich bin glücklich, es wäre dumm, nicht glücklich zu sein, wenn man seinen Kindheitstraum erfüllt hat, deshalb verrate ich euch jetzt ein Geheimnis - sehr bald werde ich das Seil herunternehmen und - ein Schritt von der Plattform aus, dann ein zweiter, ohne mich an den Deko-Zweigen festzuhalten, so erreiche ich das Fenster von gegenüber und gehe dann zurück, dann nochmal von vorne. Ich werde diesen Schlaumeiern von der Nachbarschaft zeigen, was ich tauge, ich werde ja in der Luft zwischen den zwei Wänden laufen - wie der Feuermann. Ich muß es nur noch vom dritten auf den zweiten Stock schaffen, wo die größten Büros sind, jedes mit drei Kristallleuchten, wie mein Großvater immer wieder sagte.
MONDBRAUNE
Unvollkommen ist der Mensch, das haben Sie sicher auch am eigenen Leib gespürt, wenn Sie sich große Ziele gesteckt haben, und noch mehr, wenn sich jedes Mal jemand gefunden hat, der Sie ausgelacht und wie ein Fußabtreter behandelt hat; unzählig sind unsere Makel, einer der schlimmsten ist aber unser kurzes Leben, nicht einmal hundert Jahre. Was soll man in dieser knappen Zeit zuerst tun - das Rad erfinden, die Cheops-Pyramide bauen, außerdem verbringen wir gut ein Drittel dieser Zeit im Schlaf. Irgendwann fiel mir eine Broschüre über autogenes Trainning in die Hände und was lese ich darin: nur fünf Minuten Selbsthypnose haben die Wirkung eines dreistündigen Schlafes, so habe ich schnell ausgerechnet - zehn Minuten ergäben sechs Stunden Schlaf, mir blieben also dreiundzwanzig Stunden und fünfzig Minuten jeden Tag für die großen Ziele. So habe ich den Wecker gestellt, legte mich auf den Rücken und fing an, mir zu wiederholen wie ruhig und entspannt ich bin und bestaunte das Rad, das ich nächste Woche erfinden würde. Ich stand auf, mein Kopf fühlte sich wie nach einem zweiwöchigen Saufgelage, ich blätterte erneut in der Broschüre - es stellte sich heraus, daß die wichtigste Bedingung war zu vergessen, wer ich bin. Na dann, die Augen wieder zu, ich stelle mir vor wie ich übers Wasser gleite, und in Gedanken erfinde ich schon die Pedale fürs Rad. Ich erhob mich mühsam, als wäre ich die ganze Strecke von hundert Kilometern bis ans Meer mit nur einer kurzen Rast gelaufen und mit dem einzigen Wunsch, wieder in Schlaf zu versinken, mit meinen letzten Kräften las ich die Broschüre zu Ende. Und sieh da - ich habe das Wichtigste nicht getan, nämlich mich von allen Gedanken zu befreien. Ich machte das Licht aus, schlüpfte unter die Decke und - ich habe jetzt keine Gedanken mehr, ich weiß nicht wer ich bin, nichts stört mich, vor meinen geschlossenen Augen steht eine ganze Reihe Pharaonen, jeder neben seiner Pyramide und sie verbeugen sich vor mir - Du bist der Größte!, vor meinen Füßen liegen im Staub all jene, die jetzt über mich lachen und mich mit Füßen treten. Unvollkommen ist der Mensch, dafür aber stur und beharrlich. Ich liege vierundzwanzig Stunden am Tag, presse die Augenlider zusammen und in meinem Kopf dreht sich nur ein Gedanke - ich habe keine Gedanken, ich habe keine Gedanken. Ich mag mich selbst auch hundert Jahre hypnotisieren, die Broschüre verspricht unendlich viel Zeit, am Schluß erreiche ich die Vollkommenheit und dann werden sie alle sehen, wie man Räder und Pyramiden mit den Füßen tritt!