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MAKE UP
DER SCHATTEN
Den Boden erreichen hat auch seine guten Seiten - egal welche Richtung du von dort aus einschlägst, es kann nur besser oder weniger schlecht sein, so wie vom Nordpol alle Richtungen nach Süden führen, und vom Südpol - nach Norden, mit anderen Worten, die Pole mit ihrer Siebzig-Grad-Kälte sind die Orte, von wo aus es tiefer einfach nicht geht, und du willst auf die Straße rennen und lauthals schreien: ich bin glücklich!, ich bin frei!, ich bin verliebt!, ich bin reich!, ich bin ´ne große Nummer!, ein Gott bin ich!, du brauchst aber nur auf den Kompaßzeiger zu schauen, wie der sich am Pol wie verrückt dreht, ohne zu wissen, wo Nord und wo Süd ist oder im Glauben, daß überall Nord und Süd ist, und es wird dir warm ums Herz - hör‘ jetzt mal endlich auf mit dem Gebrüll auf den Straßen, pack deinen Rucksack, denn vom Nordpol wie auch vom Südpol ist die Wahl der Richtungen endlos und du brauchst nur weiter zu laufen, zu schreiten und die Gletscher bleiben zurück, du befindest dich schon zwischen Apfel-, Kirsch-, Orangenbäumen, Palmen, Haselnußsträuchen und Zuckerrohr, Rosen und Orchideen und die Siebzig-Grad-Kälte ist nur eine Erinnerung, damit du dich über das Meer und die Sonnenuntergänge noch mehr freuen kannst und du willst schreien - ich bin ein Gott!, diesmal aber ein anderer Gott!, du hast aber kaum den Mund geöffnet, da merkst du, daß du nicht in einen Obst- und Palmenhain kriechst, sondern über die seit so vielen Generationen bekannten Geröllsteinen ohne Wasser und ohne einen Grashalm und du begreifst, daß die endlos vielen Richtungen eigentlich keine Richtung waren, und du willst schon wieder auf die Straße rennen und mit einem zyklophrenischen Lächeln auf dem Gesicht schreien: es gibt Gerechtigkeit!, aber du stürzt erneut auf den Boden, frierst in der kosmischen Kälte, in deinem Kopf blinkt ein schwarzer Funke - wird es denn nicht etwas wärmer, wenn du dem verdammten Kompaß an die Kehle gehst, damit sein Zeiger endlich aufhört, sich wie verrückt zu drehen und dir wie bei jedem normalen Kompaß nur zwei Richtungen zeigt - in der Hoffnung, daß wenn du es wieder falsch machst, es erneut versuchen kannst, aber der schwarze Funke flackert mit schwarzem Licht - wenn du irgendwann deine Angst überwunden hast, kann es sein, daß bei dem wilden Drehen der Kompaßzeiger aus der Achse gesprungen sein wird und dir bleibt nur eins - auf die Straße zu rennen und zu schreien - gibt es denn irgendwo Kompasse, die nicht kaputt gehen? - naja, was kann man denn von einem schwarzen Funken erwarten...
FRAGMENTS
Exotik ist meine Schwäche, schmuzeln Sie bitte nicht und denken Sie, Kleider würden die Leute machen, denn der Fahrstuhl fährt an einer besonderen Tür vorbei, die steht nämlich auf der Rückseite der anderen Türen und ist vor Staub und Spinnenweben kaum noch zu erkennen. Der Fahrstuhl hält dort nicht, ich habe sie erst nach einem Jahr im Amt bemerkt und wer weiß warum mir vier Meter hohe Flutwellen vorgestellt, Palmen und goldene Strände mit fröhlich lachenden, völlig entspannten Menschen - alles Dinge, die verboten und unerreichbar sind, deshalb habe ich mir gesagt - Schluß jetzt mit der Träumerei! - und fuhr jeden Tag weiter mit dem Fahrstuhl zur letzten Etage, von dort aus ging es die Treppe hoch zum Dachgeschoß, wo mein kleines Büro ist. Das ist so groß wie eine Schuhschachtel, niemand kommt zu mir hoch, ich habe aber einen Schreibtisch und eine Tischlampe, Regale, wo die ganzen Ordner aneinander gereiht stehen, und an der gegenüberliegenden Wand hängt eine Landkarte, die zeigt die Einteilung des Landes vor dem Ersten Weltkrieg, wer hat sie denn hier aufgehängt? Manchmal, wenn ich die Brille abnehme, damit meine Augen sich etwas entspannen können, starre ich darauf und stelle mir vor, wie ich reise, ich sehe unbekannte Orte und wundersame Dinge und eines Tages fiel mir ein, daß ich den Notknopf drücken, den Fahrstuhl halten und die verstaubte Tür öffnen kann. Was für Palmen und Strände würden auf mich dort drüben warten, was für Menschen gingen da spazieren, stell dir mal vor, was, wenn es auch Mädchen da gäbe!, zum Glück aber, genau in dem Augenblick, als ich die Angst überwinden und aufmachen wollte, fiel der Strom aus und ich mußte den halben Tag eingesperrt bleiben, bis sie mich rausgeholt haben. Nun ja, Sie verstehen schon, daß ich genug Zeit hatte, mir klar zu machen, daß ich einem unvernüftigen Gedanken nachgegeben hätte, ich sollte lieber in meinem Schuhschachtel-Büro bleiben! Die Reisen auf der Karte habe ich aber weiter gemacht, jedes Mal, wenn meine Augen vor Müdigkeit nicht mehr sehen konnten, was ich abschreiben mußte; heute haben sich meine Kollegen auf der Abschiedsfeier bei mir bedankt, und nicht nur das - sie haben mir erlaubt, weiter zur Arbeit zu kommen und nun als Rentner auszuhelfen - keiner der jüngeren wollte wie eine Ratte unterm Dach vor sich hinvegetieren. Da war ich glücklich, und nach dem Gläschen Wein, das ich mir gegönnt hatte, als ich an der Tür mit den Spinnenweben vorbeifuhr, drückte ich unbewußt den Notknopf. Kalte Schauer lief mir über den Rücken - was habe ich denn gemacht? - aber ich berührte die verstaubte Türklinke, mehr um sicher zu sein, ich hätte es wenigstens versucht, die ist bestimmt gesperrt, die Tür quietschte aber, etwas zog mich in den halbdunklen Flur hinein. Ich ging lange, bog links und rechts ab, stieg Stufen hinauf, lief hinunter auf steilem Betonboden, wieder Treppen aufwärts, bis ich gegen ein Hindernis stieß und mein Herz schlug wie rasend, was, kommen jetzt wirklich die Strände und die Mädchen? Ich zündete ein Streichholz an, sah eine weitere Tür, öffnete sie und was glauben Sie, wo bin ich geraten? In meinem winzigen Büro, wo ich fünfunddreißig Jahre meines Lebens verbracht hatte. Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und wenn ich vom Abschreiben müde werde, nehme ich die Brille ab, starre auf die Landkarte aus der Zeit vor dem Ersten Krieg an der gegenüberliegenden Wand und bin glücklich. Hier bin ich zu Hause. Nur manchmal schießt mir so ein Gedanke durch den Kopf, wäre ich in jenen Flur damals vor fünfunddreißig Jahren eingebogen, hätte er mich zu den Palmen und den lachenden Gesichtern geführt und dann zittern meine Arme und Beine, als flöße Strom hindurch, aber wie ich schon sagte - Exotik ist meine Schwäche.